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Eintrag in der Universitätsbibliographie der TU Chemnitz

Volltext zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:bsz:ch1-qucosa2-1044451


Brill, Janine
Karnowski, Veronika (Prof. Dr.) ; Rossmann, Constanze (Prof. Dr.) ; Lopez Garcia, Yolanda (Junior-Prof. Dr. ) (Gutachter)

Zwischen Zugehörigkeit und Zugang
Eine Untersuchung der Beziehung zwischen den Gesundheitsinformationsrepertoires und Akkulturationsverläufen von Migrant*innen erster Generation in Deutschland

Between Affiliation and Access
An Investigation of the Interrelationship Between Health Information Repertoires and Acculturation Trajectories of First-Generation Migrants in Germany


Kurzfassung in deutsch

Über eine Million Ukrainer*innen sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nach Deutschland migriert. Gleichzeitig leben in Deutschland mehr als 400.000 internationale Studierende – eine Zahl, die jedes Jahr steigt. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht: Sie weisen unterschiedliche Altersstrukturen, Herkunftskontexte, kulturelle Hintergründe, familiäre Situationen und vor allem unterschiedliche Gründe für ihre Migration auf. Eine zentrale Gemeinsamkeit verbindet die beiden Gruppen jedoch: Sie zählen zu Migrant*innen der ersten Generation in Deutschland. Darunter werden Personen verstanden, die eigene Migrationserfahrungen haben und nicht im Zuzugsland geboren wurden. Sowohl Zwangsmigration als auch freiwillige Migration können die mentale und physische Gesundheit von Individuen erheblich beeinflussen und weitreichende Auswirkungen auf deren Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, da vertraute Informationsumgebungen und Unterstützungsnetzwerke nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr zugänglich sind.

Die Sozialkapitaltheorie nimmt an, dass umfassendere soziale Netzwerke den Zugang zu Informationen erleichtern. Für Migrant*innen ist soziales Kapital eng mit ihren Beziehungen zu Personen aus dem Herkunfts- und dem Zuzugsland verbunden – und damit mit ihren Akkulturationsverläufen. Bisherige Forschung fokussierte sich überwiegend auf den Einfluss von Akkulturation auf individuelle Informationsquellen, während deren Auswirkungen auf den Umfang, die Zusammensetzung und Diversität von Gesundheitsinformationsquellen unberücksichtigt blieben. Die Kombination an Gesundheitsinformationsquellen, die eine Person regelmäßig nutzt, wird – angelehnt an den Medienrepertoireansatz, der im Rahmen dieser Arbeit um eine interpersonale Dimension erweitert wird – als Gesundheitsinformationsrepertoire bezeichnet. Die vorliegende Dissertation widmet sich folglich der zentralen Fragestellung, inwiefern eine Beziehung zwischen den Gesundheitsinformationsrepertoires und den Akkulturationsverläufen von Migrant*innen erster Generation in Deutschland besteht.
Um dieser Fragestellung nachzugehen, folgt das Forschungsdesign dieser Arbeit einem erklärend-sequenziellen Mixed-Methods-Ansatz, der Online-Tagebuchstudien und qualitative Interviewstudien kombiniert. Diese Methodenkombination wurde sowohl bei internationalen Studierenden als auch bei kriegsvertriebenen Ukrainer*innen angewendet. Dieses Forschungsdesign ermöglicht einen direkten Vergleich hinsichtlich der Möglichkeiten sozialer Teilhabe und des Zugangs zu Gesundheitsinformationen zwischen Migrant*innengruppen mit unterschiedlichen Migrationsmotiven und aus unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Kontexten.

Die Befunde der vorliegenden Arbeit zeigen, dass sich die Akkulturationsverläufe der Teilnehmenden häufig sowohl in der Größe, Komposition als auch in der Diversität der ihnen zugänglichen Gesundheitsinformationsquellen widerspiegeln. Teilnehmende, die Integration erfahren und somit über ein umfassenderes und diverseres soziales Umfeld verfügen, haben in der Regel einen erweiterten Zugang zu Gesundheitsinformationsquellen unterschiedlicher Herkunft. Die Gesundheitsinformationsrepertoires von Teilnehmenden, die Separation oder Assimilation erfahren, sind hingegen in der Regel weniger umfangreich und zeichnen sich durch einen primär einseitigen Informationszugang aus einem Kontext aus. Diese Tendenzen spiegeln sich insbesondere im Zugang zu vertrauten Personen als Gesundheitsinformationsquellen wider, weniger hingegen im Zugang zu Gesundheitsexpert*innen.

Die vorliegende Dissertation leistet in mehrfacher Hinsicht einen wissenschaftlichen Beitrag: Die Arbeit trägt wesentlich zum Verständnis von Gesundheitsinformationsrepertoires und den Akkulturationsverläufen sowie deren Beziehung bei, indem sie neue theoretische Verknüpfungen herstellt und methodische Ansätze kombiniert, deren integrative Analyse ein umfassenderes Verständnis komplexer Phänomene ermöglicht. Sie liefert empirische Erkenntnisse, die den bisherigen Forschungsstand erweitern, und zeigt zugleich praxisrelevante Implikationen und dringenden Handlungsbedarf auf:
Besonders Teilnehmende, die Separation erfahren, aber auch solche, die primär oberflächlich Assimilation oder Integration erleben, berichten von erheblichen Zugangsbarrieren zu Gesundheitsinformationen und -services sowie zu sozialer Teilhabe in Deutschland. Integration erweist sich zwar sowohl sozial als auch hinsichtlich des Zugangs zu Gesundheitsinformationen als förderlich – kann jedoch nicht einseitig verlaufen: Das ausgrenzende Verhalten einzelner Mitglieder der breiteren Gesellschaft sowie von Gesundheitsfachkräften in Deutschland erschwert sowohl Integrationsbestrebungen von Migrant*innen als auch deren adäquate Gesundheitsversorgung. Die Arbeit unterstreicht daher die Notwendigkeit, die Integration von Migrant*innen proaktiv zu unterstützen und eine inklusivere Gesundheitskommunikation und -versorgung zu schaffen. Aus den Befunden dieser Arbeit werden konkrete Ansätze für effizientere Kommunikationsstrategien sowie Maßnahmen zur Sensibilisierung und Anpassung der Praktiken von Gesundheitsexpert*innen aufgezeigt.

Kurzfassung in englisch

Since the onset of Russia’s war of aggression against Ukraine, more than one million Ukrainians have migrated to Germany. Concurrently, Germany hosts over 400,000 international students—a number that continues to increase annually. Although these two groups differ markedly in terms of age structures, socioeconomic and cultural backgrounds, family situations, and, most notably, their reasons for migration, they share a key commonality: both constitute first-generation migrants in Germany. This term refers to individuals who have personally experienced migration and were not born in the country of residence. Both forced and voluntary migration can profoundly affect individuals’ mental and physical health and have far-reaching implications for their access to healthcare, as familiar informational environments and support networks are often restricted or entirely disrupted.

Social capital theory posits that broader social networks facilitate access to information. For migrants, social capital is closely linked to their relationships with individuals from both their country of origin and their host country—and is thus inherently connected to their accul-turation trajectories. Previous research has primarily examined the impact of acculturation on individual information sources, while its implications for the scope, composition, and diversity of health information sources have received little empirical attention. Drawing on the media repertoire approach—extended in this dissertation to include an interpersonal dimension—the combination of health information sources that individuals regularly engage with is conceptualized as a health information repertoire. Consequently, this dissertation addresses the central research question of the interrelationship between the health information repertoires and the acculturation trajectories of first-generation migrants in Germany.

To address this question, this dissertation employs an explanatory sequential mixed-methods design that integrates online diary studies with qualitative interview studies. This methodological approach was applied to both international students and war-displaced Ukrainians. This research design allows for a direct comparison of opportunities for social participation and access to health information between migrant groups with different migration motives and from diverse ethnic and cultural backgrounds.
The findings indicate that participants’ acculturation trajectories are reflected in the size, composition, and diversity of their accessible health information sources. Participants who experience integration—and consequently possess broader and more heterogeneous social networks—tend to have more extensive access to diverse health information sources. In contrast, participants experiencing separation or assimilation exhibit smaller and less diverse health information repertoires, often marked by one-sided reliance on sources from a single cultural context. These patterns are particularly evident regarding confidants as information sources; to a lesser extent, in participants’ engagement with health professionals.

This dissertation contributes to the academic discourse in several ways: It substantially enhances the understanding of health information repertoires and acculturation trajectories, as well as their interrelationship, by establishing new theoretical linkages and combining methodological approaches whose integrative analysis enables a more comprehensive understanding of complex phenomena. It provides empirical insights that extend the existing state of research and simultaneously highlights practice-relevant implications and underscores an urgent need for action:
Participants who experience separation, as well as those who experience only superficial forms of assimilation or integration, face considerable barriers in accessing health information and services, as well as opportunities for social participation in Germany. While integration fosters both social inclusion and improved access to health information, it cannot be a unilateral process: Exclusionary behavior by members of the broader society, as well as by health professionals in Germany, impedes migrants’ integration efforts and equitable access to healthcare. Accordingly, this dissertation underscores the necessity of proactively supporting migrants’ integration and fostering more inclusive health communication and healthcare practices. Based on the findings, concrete recommendations are formulated for more effective communication strategies and for enhancing the cultural sensitivity and responsiveness of health professionals.

Universität: Technische Universität Chemnitz
Institut: Professur Medienkommunikation
Fakultät: Philosophische Fakultät
Dokumentart: Dissertation
Betreuer: Karnowski, Veronika (Prof. Dr.) ; Rossmann, Constanze (Prof. Dr.)
DOI: doi:10.60687/2026-0096
SWD-Schlagwörter: Kommunikationswissenschaft
Freie Schlagwörter (Deutsch): Gesundheitsinformationsverhalten , Repertoires , Akkulturation , Migrant*innen , soziales Kapital
Freie Schlagwörter (Englisch): health information-seeking behaviour , repertoires , acculturation , migrants , social capital
DDC-Sachgruppe: 302.2
Sprache: deutsch
Tag der mündlichen Prüfung 27.04.2026
OA-Lizenz CC BY 4.0

 

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