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Eintrag in der Universitätsbibliographie der TU Chemnitz


Lux, Sophie Helene

Ansatzpunkte zur Reduktion von Barrieren für Personen mit Pädophilie und Hebephilie zur Inanspruchnahme ambulanter Psychotherapie


Kurzfassung in deutsch

Pädophilie ist definiert als die sexuelle Ansprechbarkeit auf das vorpubertäre Körperschema, Hebephilie als die sexuelle Ansprechbarkeit auf das frühpubertäre Körperschema (Blanchard et al., 2009). Eine pädo- oder hebephile Sexualpräferenz oder Sexualpräferenzstörung ist weder selbst ein Straftatbestand noch synonym mit strafbaren Handlungen, stellt aber einen Risikofaktor für sexuelle Straftaten gegen Kinder wie sexuellen Kindesmissbrauch oder Erwerb, Besitz oder Verbreitung von Kindesmissbrauchsabbildungen dar (Hanson & Morton-Bourgon, 2004; Mokros et al., 2012; Seto, 2019; Turner et al., 2016; Wittström et al., 2020). Gleichzeitig sind Personen mit pädo- oder hebephiler Sexualpräferenz (PWP) entweder durch eine pädophile Störung oder psychische Komorbiditäten wie affektive Störungen oder Substanzkonsumstörungen häufig stark belastet (American Psychiatric Association, 2013; Beier, Hille et al., 2021; Bergner-Koether et al., 2025; Tribolet-Hardy et al., 2025). Ein weiterer Belastungsfaktor ist öffentliche oder internalisierte Stigmatisierung (Elchuk et al., 2022; Jahnke, Schmidt et al., 2015; Lawrence & Willis, 2021).
Psychotherapie für PWP hat das Potential, Risikofaktoren für Sexualstraftaten gegen Kinder wie missbrauchsbegünstigende Einstellungen positiv zu beeinflussen, Verhaltenskontrolle zu stärken und individuelle psychische Belastungen von PWP zu reduzieren (Beier et al., 2024; Chronos et al., 2024; Seto, 2019). Der Zugang von PWP zu Psychotherapie ist unter anderem jedoch durch das mit Pädophilie verbundene gesellschaftliche Stigma erschwert: PWP neigen dazu, ihre normabweichende Sexualpräferenz geheimzuhalten und suchen aus Angst vor Zurückweisung oder juristischen Konsequenzen seltener professionelle Hilfe auf (Clement et al., 2015; Stelzmann et al., 2022; Wagner et al., 2016). Aufseiten potentieller psychotherapeutischer Behandler:innen bestehen – wie auch in der Allgemeinbevölkerung – häufig stigmatisierende Einstellungen gegenüber PWP, die mit einer geringeren Bereitschaft assoziiert sind, PWP als Patient:innen aufzunehmen (Lawrence & Willis, 2021; Schmidt & Niehaus, 2022).
Um die Potentiale zur Sekundärprävention sexuellen Kindesmissbrauchs durch Psychotherapie für PWP bestmöglich nutzen zu können, sollten Hindernisse für den Zugang von PWP zum Hilfesystem (a) verstanden und (b) abgebaut werden. Bislang ist die empirische Erkenntnislage dazu, was PWP, die sich bisher niemandem offenbart haben, davon abhält, sich an Dritte zu wenden, nicht umfangreich. Gleichsam zeigen Studien zu gezielten Interventionen, dass eine Reduktion von Stigmatisierung beispielsweise aufseiten potentieller Therapeut:innen möglich ist. Diese Studien lassen jedoch mehrheitlich Kontrollgruppen, Follow-up-Untersuchungen und die Verbesserung verhaltensnaher Maße wie Behandlungsbereitschaft vermissen (Christophersen & Brotto, 2024). Sie lassen daher nur eingeschränkt Schlüsse auf die Praxisrelevanz erzielter Veränderungen zu. Die vorliegende Dissertation adressiert diese Forschungslücken aus beiden Perspektiven (PWP, zukünftige Behandler:innen) und mittels multipler methodischer Zugänge. Die dabei adressierten Forschungsziele gliedern sich in drei Fragen:
(1) Erstens, welche Barrieren PWP in Bezug auf die Offenlegung ihrer Präferenz wahrnehmen und inwieweit antizipierte und erlebte Folgen einer solchen Offenlegung übereinstimmen;
(2) Zweitens, wie sich die Gestaltung von Interventionen zur Reduktion von öffentlicher Stigmatisierung von PWP optimieren lässt;
(3) Drittens, wie wirksam eine auf zukünftige Psychotherapeut:innen zugeschnittene Stigma reduzierende Intervention ist und wie stabil diese Effekte sind.
Zur Beantwortung dieser Fragen werden drei aktuell in Review befindliche Paper vorgestellt, die jeweils zu einer der Fragestellungen der Dissertation zugeordnet sind.
Paper 1 widmet sich der ersten Fragestellung zu den Erwartungen und Erfahrungen in Bezug auf ein Offenlegen ihrer Sexualpräferenz gegenüber Dritten mittels einer anonymen Onlinebefragung von N = 40 PWP, die qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet wurde. Die häufigsten Befürchtungen zum Offenlegen der Präferenz waren der Verlust sozialer Kontakte und auf Kritik, Hass oder Verachtung zu treffen. PWP, die ihre Präferenz niemandem außerhalb anonymer Onlineforen anvertraut hatten, neigten zu pessimistischeren Erwartungen und gaben häufiger an, existenzbedrohende Folgen wie den Verlust ihrer Lebensgrundlage oder körperliche Gewalt zu befürchten. Der Vergleich von Erwartungen und Erlebnissen bei PWP, die sich anderen bereits anvertraut hatten, zeigte eine eher positive Bilanz, bei der erwartete negative Folgen seltener oder weniger schwerwiegend berichtet wurden und Akzeptanz sowie Verständnis des Gegenübers im Fokus standen. Dennoch erlebte ein Teil der Proband:innen auch negative Konsequenzen, wie beispielsweise die unfreiwillige Weiterverbreitung der Information über die eigene Pädophilie.
Die zweite Fragestellung nach Empfehlungen zur Gestaltung von Interventionen zur Reduktion von öffentlicher Stigmatisierung von PWP wurde über eine querschnittliche experimentelle Onlinestudie an N = 289 jungen Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung untersucht (Paper 2). Geprüft wurde, wie Wissen über Pädophilie und Kontakt zu PWP mit stigmabezogenen Outcomes zusammenhängen. Wissen und Kontakt sind beides typische Elemente von bestehenden Stigmareduktions-Interventionen. Wissen erwies sich als signifikanter Prädiktor für die meisten stigmabezogenen Outcomes außer, wie abweichend PWP wahrgenommen werden (Deviance): Teilnehmer:innen mit höherem Wissen hatten eher geringere stigmatisierende Einstellungen und wünschten weniger soziale Distanz zu PWP. Kontakt mit PWP spielte überraschenderweise eine untergeordnete Rolle. Weiterhin wurde gezeigt, dass die Beschreibung einer PWP als Täter oder als Nicht-Täter keine Unterschiede in der Bewertung durch die Proband:innen machte, woraus der Einbezug von Täter:innen und Nicht-Täter:innen in Stigmareduktions-Interventionen abgeleitet wurde.
Die Schlussfolgerungen dieser Studie flossen in das Paper 3 zur Beantwortung der dritten Fragestellung der Dissertation ein: Der Untersuchung der Wirksamkeit einer auf zukünftige Psychotherapeut:innen zugeschnittenen Stigmareduktions-Intervention. Mittels zweier Vorstudien, die die Perspektiven sowohl von PWP als auch potentiellen Therapeut:innen einbezogen, wurde die Intervention entwickelt und im Anschluss Prä-Post (N = 266) sowie im 6-Monats-Follow-up (n = 153) mittels einer RCT getestet. Erhoben wurden stigmatisierende Einstellungen (Dangerousness, Deviance, Intentionality, Punitive Attitudes) und die Behandlungsbereitschaft. In den Interventionsgruppen zeigte sich eine signifikante Reduktion stigmatisierender Einstellungen sowohl kurzfristig als auch langfristig, die Prä-Post und teilweise auch im Follow-Up auch signifikant größer als in der Kontrollgruppe war. Die Behandlungsbereitschaft steigerte sich nach der Intervention kurzfristig (Prä-Post), nicht jedoch langfristig und nicht stärker als in der Kontrollgruppe ohne Intervention.
Die Ergebnisse der drei Paper werden in Abschnitt 6 diskutiert und studienübergreifende Limitationen beschrieben. Diese beziehen sich unter anderem auf die Art der Stichproben (selbstselektiert, WEIRD, Beschränkung auf deutschen Sprachraum, Unausgewogenheit im Geschlechterverhältnis), was bei der Generalisierbarkeit der Ergebnisse berücksichtigt werden muss. Zuletzt werden verschiedene methodische und praktische Implikationen abgeleitet. Empfehlungen für weitergehende Forschung umfassen beispielsweise die differenziertere Erfassung von Verhaltensintentionen im Kontext von PWP-Stigmareduktion und die tiefergehende Klärung vermuteter Wirkfaktoren wie narrative engagement (inwieweit sich die Proband:innen in die präsentierten Erzählungen der PWP hineinversetzt fühlen; Busselle & Bilandzic, 2009). Eine Stärkung dieses Faktors durch Gestaltung oder Umsetzung zukünftiger Interventionen in VR (virtueller Realität) könnte eine Verbesserung der Behandlungsbereitschaft ermöglichen (Szekely et al., 2025). Dazu ist eine Ergänzung zukünftiger Interventionen um konkrete Trainings zur Erhöhung PWP-spezifischer Behandlungskompetenzen zentral, welche vor dem Hintergrund praktischer Implikationen vorgeschlagen werden. Um Wege ins Hilfesystem aufseiten von PWP zu stärken, kann eine Edukation über potentiell positive Folgen, sich anderen anzuvertrauen, erste Impulse geben. Zwischen behandlungsbedürftigen PWP und behandlungsbereiten Therapeut:innen klaffen jedoch weiterhin systemimmanente Lücken. Dazu wird ein Vorschlag zur Überbrückung durch eine anonyme Vermittlungsstelle diskutiert.

Kurzfassung in englisch

Pedophilia is defined as sexual responsiveness to the prepubertal body age, while hebephilia is defined as sexual responsiveness to the early pubertal body age (Blanchard et al., 2009). A pedophilic or hebephilic sexual preference or sexual preference disorder is neither a criminal offense per se nor synonymous with criminal acts. However, it does represent a risk factor for sexual offenses against children, such as child sexual abuse or the acquisition, possession, or distribution of child sexual abuse images (Hanson & Morton-Bourgon, 2004; Mokros et al., 2012; Seto, 2019; Turner et al., 2016; Wittström et al., 2020). Concurrently, persons with a pedophilic or hebephilic sexual preference (PWP) are often severely burdened by either a pedophilic disorder or psychological comorbidities such as affective disorders or substance use disorders (American Psychiatric Association, 2013; Beier, Hille et al., 2021; Bergner-Koether et al., 2025; Tribolet-Hardy et al., 2025). An additional stress factor is public or internalized stigmatization (Elchuk et al., 2022; Jahnke, Schmidt et al., 2015; Lawrence & Willis, 2021).
It is argued that psychotherapy for PWP holds the potential to positively influence risk factors for sexual offenses against children, such as reducing offense-supportive cognitions, strengthening behavioral control, and alleviating individual psychological burdens of PWP (Beier et al., 2024; Chronos et al., 2024; Seto, 2019). However, access to psychotherapy for PWP is hindered, among other things, by the societal stigma associated with pedophilia: PWP tend to conceal their non-normative sexual preference and are less likely to seek professional help out of fear of rejection or legal consequences (Clement et al., 2015; Stelzmann et al., 2022; Wagner et al., 2016). Potential psychotherapeutic practitioners, like the general population, often hold stigmatizing attitudes toward PWP, which are associated with a lower willingness to accept PWP as patients (Lawrence & Willis, 2021; Schmidt & Niehaus, 2022).
To make the best possible use of the potential for secondary prevention of child sexual abuse through psychotherapy for PWP, barriers to PWP's access to the support system need to be (a) understood and (b) reduced. To date, there is limited empirical evidence on what prevents PWP who have not yet disclosed their sexual preference from reaching out to others. At the same time, studies on targeted interventions show that a reduction in stigmatization is possible, for example, among potential therapists. However, the majority of these studies lack control groups, follow-up assessments, and improvements in behavior-related measures such as willingness to treat (Christophersen & Brotto, 2024). Therefore, they allow only limited conclusions to be drawn about the practical relevance of the achieved changes. This dissertation addresses these gaps in research from both perspectives (PWP, future practitioners) and through multiple methodological approaches. The addressed research aims are divided into three questions:
(1) First, what barriers PWP perceive regarding disclosing their preference, and to what extent the anticipated and experienced consequences of such disclosure correspond;
(2) Second, how the design of interventions to reduce public stigmatization of PWP can be optimized;
(3) Third, how effective a stigma reduction intervention tailored to future psychotherapists is, and how stable these effects are.
To answer these questions, three papers currently under review are presented, each of which addresses one of the questions included in the dissertation.
Paper 1 addresses the first question regarding expectations and experiences related to disclosing one's sexual preference to others through an anonymous online survey of N = 40 PWP, which was analyzed using qualitative content analysis. The most common concerns about disclosing one's preference were the loss of social contacts and facing criticism, hatred, or contempt. PWP who had not confided their preference to anyone outside of anonymous online forums tended to have more pessimistic expectations and were more likely to report fearing life-threatening consequences such as loss of livelihood or physical violence. A comparison of expectations and experiences among PWP who had already confided in others showed a comparatively positive picture, with expected negative consequences being reported less frequently or as less severe, with acceptance and understanding on the part of the other person playing a central role. Nevertheless, some of the participants still experienced negative consequences, such as the involuntary dissemination of information about their pedophilia.
The second question on recommendations for designing interventions to reduce public stigmatization of PWP was examined in a cross-sectional experimental online study of N = 289 young adults from the general population (Paper 2). The study examined how knowledge about pedophilia and contact with PWP are associated with stigma-related outcomes. Knowledge and contact are typical elements of existing stigma reduction interventions. Knowledge proved to be a significant predictor for most stigma-related outcomes except how deviant PWP are perceived to be (Deviance): Participants with greater knowledge tended to have less stigmatizing attitudes and desired less social distance from PWP. Surprisingly, contact with PWP played a minor role. Furthermore, it was shown that describing a PWP as an offender or non-offender made no difference in the participants' assessment, from which the inclusion of offenders and non-offenders in stigma reduction interventions was derived.
The conclusions of this study contributed to Paper 3 in answering the third question of the dissertation: The evaluation of the effectiveness of a stigma reduction intervention tailored to future psychotherapists. Based on two pre-studies that included the perspectives of both PWP and potential therapists, the intervention was developed and subsequently tested in a pre-post (N = 266) and 6-month follow-up (n = 153) RCT. Stigmatizing attitudes (Dangerousness, Deviance, Intentionality, Punitive Attitudes) and willingness to treat were assessed. The intervention groups showed a signifikant, and significantly greater reduction in stigmatizing attitudes compared to the countrol group, both in the short term and, in part, in the long term at follow-up. Willingness to treat increased in the short term (pre-post) after the intervention, but not in the long term, and not to a greater extent than in the control group without the stigma reduction intervention.
The results of the three papers are discussed in Chapter 6, and overarching limitations across studies are outlined. These relate, among other things, to sample characteristics (self-selected, WEIRD, restricted to German-speaking countries, gender imbalance), which must be taken into account when generalizing the results. Finally, various methodological and practical implications are discussed. Recommendations for further research include, for example, a more differentiated assessment of behavioral intentions in the context of PWP stigma reduction and further exploration of hypothesized contributing mechanisms such as narrative engagement (the extent to which participants feel involved in the narratives presented by PWP; Busselle & Bilandzic, 2009). Strengthening this factor through designing or implementing future interventions in VR (virtual reality) might facilitate an improvement in willingness to treat (Szekely et al., 2025). To this end, it is essential to complement future interventions with specific training to increase PWP-specific treatment skills, which are proposed in the context of practical implications. In order to strengthen pathways into the support system on the part of PWP, education about the potentially positive consequences of confiding in others may provide initial impetus. However, systemic gaps continue to exist between PWP in need of treatment and therapists willing to provide treatment. In this respect, a proposal to bridge this gap through an anonymous referral service is being discussed.

Universität: Technische Universität Chemnitz
Institut: Professur Klinische Psychologie und Psychotherapie
Fakultät: Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften
Dokumentart: Dissertation
Betreuer: Mühlig, Stephan (Prof. Dr.)
Quelle: 2025. - 194 S.
Freie Schlagwörter (Deutsch): Pädophilie , Hebephilie , Stigmatisierung , Prävention , Kindesmissbrauch
Freie Schlagwörter (Englisch): pedophilia , hebephilia , stigmatization , prevention , child sexual abuse
Sprache: deutsch
Tag der mündlichen Prüfung 15.12.2025

 

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